“Martin, wenn dieser Verein dich will, darfst du nicht nur aufs Geld schauen” – Petr Rada im Interview

Bei Fortuna-Fans der späten Achtziger und frühen Neunziger ist Petr Rada eine Legende. Der kleine Tscheche schoss im Trikot der Rot-Weißen Standards wie Heine einst Gedichte schrieb. Heute ist Rada Trainer in Tschechien und half entscheidend beim Transfer von Martin Latka. Im Interview mit direkt-verwandelt.de erzählt er, wie er den Abwehrhünen von F95 überzeugte, wie er Latka den Wechsel zu einem Bundesligakonkurrenten ausredete und warum er es bereut, dass statt ihm heute Norbert Meier auf der Düsseldorfer Trainerbank sitzt.

Direkt-Verwandelt.de: Herr Rada, wann waren Sie zum letzten mal in Düsseldorf?

Rada: Lassen Sie mich überlegen… Das ist jetzt schon gut vier Jahre her. Damals habe ich mir, gemeinsam mit Alexander Ristic, den Wintercup angeschaut. Fortuna hatte unter anderem Hertha BSC eingeladen, bei denen Jaroslav Drobny im Tor stand. Ich war damals noch Nationaltrainer von Tschechien und war unter anderem in Düsseldorf, um ihn zu beobachten. Das waren schöne zwei Tage damals, ich habe viele Freunde getroffen. Spengler, Restle, Lambertz, Jäger, Frymuth und so weiter. Wir haben uns gut unterhalten. Ich hoffe, bald mal wieder Zeit für einen Besuch zu finden.

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Rada4Direkt-Verwandelt.de: Wie häufig haben Sie noch Kontakt nach Düsseldorf, sowohl zum Verein, als auch zu Bekannten oder alten Kollegen?

Rada: Ich habe regelmäßig Kontakt mit meinen alten Weggefährten. Mit Alexander Ristic telefoniere ich beispielsweise alle ein bis zwei Wochen. Und auch mit Andrzej Buncol, Sven Demandt, Ralf Loose und einigen anderen telefoniere ich immer mal wieder. Mir ist es sehr wichtig, diese Kontakte aufrecht zu erhalten. Fortuna ist mein Verein und ich habe nie aufgehört zu verfolgen, was sich in Düsseldorf tut. Egal ob Oberliga oder Regionalliga. Ich muss ehrlich sagen, dass ich im Nachhinein ein bisschen traurig bin, dass ich Anfang 2008 nicht bei Fortuna gelandet bin.

Direkt-Verwandelt.de: Damals war davon zu lesen, dass Sie eine der Alternativen für die Neubesetzung des Trainerpostens bei Fortuna waren. Es gab also wirklich Gespräche zwischen Ihnen und dem Verein?

Rada: Es gab Gespräche mit Wolf Werner. Zur selben Zeit lag mir aber auch ein Angebot vom tschechischen Fußballverband vor. Ich sollte Karel Brückner nach der EM 2008 beerben und Trainer der A-Nationalmannschaft werden. Ich musste mich also entscheiden, ob ich Nationaltrainer in Tschechien werden will, oder zurück zur Fortuna gehe. Jeder Trainer träumt davon, mal die Nationalmannschaft des eigenen Landes zu trainieren. Das war damals ein unfassbares Angebot für mich. Aber aus der heutigen Sicht muss ich sagen: Leider habe ich mich für Tschechien entschieden. Wir haben keine gute WM-Qualifikation gespielt und ich wurde nach etwas mehr als einem Jahr wieder entlassen.

Direkt-Verwandelt.de: Nun sind Sie Trainer von Slavia Prag. Haben Sie trotz dieses Jobs in dieser Saison schon die Möglichkeit gehabt, ein Spiel der Fortuna live zu verfolgen?

Rada: Live im Fernsehen, ja. Ich habe fast alle Spiele gesehen, außer wenn wir zur selben Zeit mit Slavia spielen.

Direkt-Verwandelt.de: Und was sagen Sie zur bisherigen Leistung des Teams?

Rada3Rada: Fortuna hat sich den Aufstieg in die Bundesliga absolut verdient. Nicht nur wegen dem Sportlichen, sondern auch wegen dem gesamten Umfeld. Es ist schön zu sehen, was da gewachsen ist. Vor allem muss man drei Personen ein großes Lob aussprechen: Peter Frymuth ist wichtig für den Verein. Wolf Werner ist ein alter Fuchs, der genau weiß wie das Geschäft läuft. Er hat das Team mit einem begrenzten Budget immer sehr gut verstärkt. Und natürlich der Trainer, Norbert Meier, der seit Jahren gute Arbeit macht. Das scheint sehr gut zu passen. Nicht zu vergessen sind die fantastischen Fans. Zu meinen Zeiten hatten wir nicht so viele Zuschauer. Die Wenigen die da waren, haben uns zwar auch sehr gut unterstützt. Ich bin sehr stolz auf diese Leute. Aber es waren eben viel weniger als heute.

Direkt-Verwandelt.de: Ihr Team Slavia Prag und Fortuna Düsseldorf befinden sich aktuell in einer sehr ähnlichen Tabellenregion. Bei Fortuna ist man sehr froh über die Platzierung. Sind Sie zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen ihres Teams?

Rada: Nein, ich bin mit der bisherigen Saison nicht zufrieden. Slavia hatte vor wenigen Jahren noch großen Erfolg, ist Meister geworden und hat in der Champions Legaue gespielt. Danach kam eine schwierige Zeit, in der es finanzielle Probleme gab. Da lief fast zwei Jahre lang vieles schief. Am Ende der letzten Saison kam dann ein neuer Vorstand und auch ein neuer Präsident, der mit seinem Geld den Verein gerettet hat. Ich bin seit Anfang der Saison hier und mit dem elften Platz sind wir alle natürlich nicht zufrieden. Aber wir liegen auch nur sechs Punkte hinter Platz fünf. In der Winterpause wurden gute Spieler dazugeholt, zum Beispiel Martin Fenin und Marcel Gecov. Wir versuchen jetzt, uns zu stabilisieren und nach oben zu schauen. Nächste Saison wollen wir dann durchaus auch wieder um die Plätze 1-3 mitspielen, die zur Teilnahme an den internationalen Wettbewerben berechtigen.

Direkt-Verwandelt.de: Im Winter hat mit Martin Latka einer Ihrer Leistungsträger den Verein Richtung Düsseldorf verlassen. In der deutschen Presse war zu lesen, dass sie über den Wechsel nicht sehr glücklich waren. Welche Rolle hat Martin Latka in ihrem Team gespielt?

Rada: Martin war der Fels in unserer Abwehr, ein absoluter Leistungsträger, eine Vereinsikone. Er spielte viele Jahre für Slavia und hat in der Zwischenzeit auch Erfahrung im Ausland gesammelt. Natürlich habe ich gehofft, dass er bleibt und war dementsprechend unzufrieden, als der Wechsel feststand. Aber Martin wollte unbedingt wieder in eine größere Liga im Ausland wechseln und hat seinen Vertrag bei Slavia deshalb nicht verlängert.

Direkt-Verwandelt.de: Das heißt, er hat mit dem Verein offen über seine Wechselabsichten gesprochen?

Rada1Rada: Ja, Martin Latka hat das dem Verein offen mitgeteilt. Schon als ich im Sommer hier meine Arbeit begonnen habe, wusste ich, dass das sein Wunsch ist. Er kam zu mir und hat gesagt, dass er bei einem interessanten Angebot im Winter auf jeden Fall wechseln möchte. Natürlich hofft man dann als Trainer erstmal, dass der Spieler es sich vielleicht noch anders überlegt und es doch zu einer Vertragsverlängerung kommt oder die Angebote ausbleiben. Aber es war auch klar, dass wir einem Spieler mit seinem Status keine Steine in den Weg legen, wenn er sich sportlich verbessern möchte. Er hat, trotz seiner Wechselabsichten, hier 14 gute Spiele abgeliefert und hat sich voll auf seine Aufgaben bei Slavia konzentriert. Als dann die ersten Angebote kamen und er mit mir darüber gesprochen hat, habe ich gesagt: “Martin, du hast bei uns einen super Job gemacht. Wenn du wechseln willst, dann such dir einen guten Verein. Ich drücke dir die Daumen”.

Direkt-Verwandelt.de: Hat er mit Ihnen darüber gesprochen, von welchen Vereinen diese Angebote kamen?

Rada: Martin war lange Zeit unsicher, wohin er gehen soll. Aber ich habe zu ihm gesagt: “Martin, du bist jetzt 28 Jahre alt. Das ist vermutlich deine letzte Chance, noch einmal in eine große europäische Liga zu wechseln”. Er hatte ein Angebot aus der Türkei, aber das wäre kein Fortschhritt für Martin gewesen. Auch der FC Augsburg wollte Martin verpflichten oder hat zumindest bei seinem Berater angefragt. Aber ich habe ich ihm davon abgeraten, weil ich nicht überzeugt war, dass Augsburg die Klasse halten kann. Ich wollte einfach nicht, dass er vielleicht in ein oder zwei Jahren zu mir kommt und sagt “Trainer, du hast mich nicht gut beraten”. In Birmingham lief es damals nicht optimal für ihn. Das sollte diesmal einfach besser werden, das war mir wichtig.

Direkt-Verwandelt.de: Im Mai 2012 war vom Interesse des VfL Bochum an Martin Latka zu lesen. Haben Sie das damals schon mitbekommen?

Rada: Davon wusste ich, ja. Er hat mich nach meiner Meinung gefragt und ich habe ihm gesagt, dass das aus meiner Sicht nicht der richtige Schritt für ihn wäre. Er wollte ja ins Ausland um sich sportlich zu verbessern, aber diese Perspektive gab der VfL Bochum zu dieser Zeit für mich nicht her. Deshalb habe ich Martin nahe gelegt, erstmal bei Slavia zu bleiben. Jetzt steht Bochum auf Platz zwölf in der zweiten Liga und kämpft gegen den Abstieg.

Direkt-Verwandelt.de: Können Sie uns erklären, wie genau der Wechsel nach Düsseldorf zustande kam? Es war zu lesen, dass Sie den Düsseldorfer Verantwortlichen den Tipp gegeben haben.

Rada: Als Martin mir davon erzählt hat, dass ihm auch ein Angebot von Fortuna Düsseldorf vorliegt, habe ich ihm sofort dazu geraten sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Ich sagte: “Martin, wenn dieser Verein dich will, dann darfst du nicht nur aufs Geld schauen. Düsseldorf ist eine wunderbare Stadt, im Verein arbeiten gute Leute, da gibt es eine großartige Perspektive für die Zukunft. Die steigen nicht ab!”. Ich habe lange überlegt, aber ich konnte Martin nichts Negatives über Fortuna sagen. Das ist einfach mein Verein, ich bin da vielleicht ein bisschen vorbelastet. Aber auch ganz objektiv gesehen gab es für Martin aus meiner Sicht kein besseres Angebot. Wenn mich jetzt Leute vom Verein anrufen und sagen “Petr, der Latka ist wirklich ein toller Spieler und auch ein guter Mensch”, dann macht mich das natürlich glücklich.

Direkt-Verwandelt.de: Alles in allem klingt es so, als ob Sie beide ein gutes Verhältnis zueinander haben.

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Rada: Wir verstehen uns gut, ja. Martin und ich haben uns am Montag getroffen, da hatte er frei und war in Prag. Er hat mir gesagt, dass er sich sehr wohl fühlt und er in Düsseldorf wirklich optimale Bedingungen vorgefunden hat. Der Verein hat sich gut um ihn gekümmert, er hat bereits eine Wohnung gefunden. Solche Dinge sind natürlich wichtig dafür, dass ein neuer Spieler möglichst schnell ankommt und seine Leistung abrufen kann. Er hat gestrahlt, als er mir von den bisherigen Spielen und den Fans erzählt hat und wirkte sehr glücklich darüber, jetzt bei Fortuna zu sein. Das macht mich natürlich auch stolz, wenn einer meiner Jungs jetzt für meinen alten Verein spielt. Ich bin froh, wenn ich dem Verein auf diese Weise etwas zurückgeben kann.

Direkt-Verwandelt.de: Wie sehen sie seine Leistung bei Fortuna bisher?

Rada: Vor seinem ersten Spiel, gegen Mönchengladbach, hat mich jemand von der deutschen Presse angerufen. Dem habe ich gesagt, dass Martin eine Verstärkung für Fortuna sein wird. Da war ich mir sicher. Er ist sehr gut in der Luft, gewinnt aber auch am Boden viele Zweikämpfe. Martin hat keine Angst und ist ein sehr kompromissloser Spieler. Das zeigt er ja bisher auch. Aber gegen Gladbach hatte er schon zwei, drei Wackler in seinem Spiel. Auch gegen Freiburg hat er das entschidende Duell gegen Krmas verloren. Das war sein Gegenspieler, da hätte er da sein müssen. Aber insgesamt hat Martin Latka sich bisher gut präsentiert. Er hat mir erzählt, dass sein Deutsch ein wenig eingerostet ist, da muss er schauen, dass er schnell Fortschritte macht. Gerade für einen Verteidiger ist es wichtig, dass er sich mit seinen Mitspielern verständigen kann. Aber das kriegt er hin, da bin ich mir sicher.

Direkt-Verwandelt.de: Martin Latka ist ein Bär von Mann, hat eine sehr imposante Erscheinung. Auf dem Spielfeld ist er aber eher ruhig. Ist er auch privat eher in sich gekehrt?

Rada: Ja, privat ist er ganz ruhig. Er war mit seiner Art hier im Team sehr beliebt und wurde geschätzt. Wenn er in der Kabine gesprochen hat, dann haben die anderen Spieler auf ihn gehört. Martin war hier ein absoluter Führungsspieler. Auf dem Spielfeld ist er aber normalerweise sehr aktiv und gibt auch Anweisungen. Ich glaube das wird er auch bei der Fortuna tun, sobald er sich mit der Sprache besser zurechtfindet. Er ist jemand, der in der Lage ist, die Defensive zu ordnen und der auch sieht, wenn irgendwo eine Lücke ist. Martin ist der typische Organisator, der auch mal lauter sein kann.

Direkt-Verwandelt.de: Die Fans – und vermutlich auch der Verein – wissen es sehr zu schätzen, dass Sie Fortuna immer noch im Herzen tragen, Herr Rada. Sie sind hier noch immer eine sehr angesehene Persönlichkeit, und wenn im Rahmen von Martin Latkas Verpflichtung Ihr Name fiel, dann gab es nur positive Bemerkungen über Sie.

Rada: Ich bin immer für Fortuna da, wenn es die Möglichkeit dafür gibt und auch zwanzig Jahre später noch sehr stolz darauf, dass ich mal für diesen Verein gespielt habe. Sagen Sie von mir “Danke” an diese fantastischen Fans, die sich tatsächlich heute noch an mich erinnern und von mir sprechen.

Machen wir Herr Rada! Vielen Dank für das Gespräch.