Platzstürmende Düsseldorfer, Champions-League-träumende Kölner, gewaltbereite Dresdner – ausgelutschte Plattitüden gehen immer

Ein Satz bringt das ganze Problem auf den Punkt. Die 11Freunde versuchten in der Printausgabe mal wieder witzig zu sein (bitte in diesem Satz das Wort “versuchten” betonen) und schrieben zum Transfer von Robert Tesche nach Düsseldorf sinngemäß, dass ”ein leidenschaftsloser Spieler einem Verein gut tut, dessen Fans den Platz stürmen und dessen Kapitän Bengalos abbrennt”. Eigentlich ist der Satz nicht mal einen Kommentar wert, aber er zeigt ein Problem, das sich von der Journaille bis an die Stammtische zieht.

Kaum etwas ist ausgelutschter als Gags über den Platzsturm von Düsseldorf. Jeder einigermaßen geistig anwesende Mensch kommt zu dem Schluss, dass es nicht besonders analytisch ist, wenn man den kompletten Verein und/oder all seine Fans mit diesem Platzsturm gleichsetzt. Das ist ähnlich brauchbar wie die ständige Wiederholung von Kopfstoß-Meier, Brandstifter-Breno oder die immer wieder verbreitete Erkenntnis, in Köln würden sie nach zwei Siegen in Folge von der Champions League träumen (aber dazu später mehr).

Warum machen die 11Freunde das? Erstens, weil nichts günstiger ist als ein billiger Witz. Und zweitens, weil sie vermutlich zu faul sind, um den Transfer von Tesche professionell zu bewerten. Man könnte ja durchaus drüber streiten, ob dieser Einkauf zu diesem Zeitpunkt sinnvoll war und – wenn man sich denn auskennen würde – dies auch mit der Identität (oder nennen wir es Anatomie) des Vereins in Zusammenhang setzen. So aber hat man nur eine Zote gerissen, die auf einem Niveau liegt mit ebenfalls kürzlich lesbaren Sätzen wie “was will man auch von Fans erwarten, die einen Abstoßpfiff nicht von einem Schlusspfiff unterscheiden können?”.

Das größte Übel an diesen Formulierungen, die nicht nur auf die 11Freunde zurückgehen, sondern auf fast alle “seriösen” Medien: wie ein Virus fressen sich diese Plattitüden ins Gehirn aller Gelegenheitsfans (und auch von so manchem zotenreißenden Fan eines anderen Klubs). Und wenn diese dann meinen, sie müssten sich mit mir über meinen Verein unterhalten (wie auch immer sie auf die Idee kommen, ich fänd ihre Ansichten interessant), dann kommen diese Unterhaltungen nicht über den unterirdischen Gehalt dieser Plattitüden hinaus. In der eigenen fachkompetenten Hilflosigkeit wird dann immer wieder nach solchen Floskeln gesucht, auf die man sich zurückziehen kann, wenn man inhaltlich nichts substanzielles mehr beizutragen hat; meistens ist dieser Punkt sehr schnell erreicht. Plattitüden als Totschlagargumente.

Ich finde das dermaßen ermüdend. Wieso meint jeder dahergelaufene Haiopei, er müsse mir meinen Verein mithilfe von stupiden, unzusammenhängenden, kausalkettenlosen Mentalergüssen erklären (es gibt übrigens auch sehr angenehme Gegenbeispiele und das muss man hier betonen, damit hier nicht der Eindruck aufkommt, es würden alle über einen Kamm geschert)? Und wieso geben die Medien sich nicht wenigstens die Mühe, selbst solche stupiden, unzusammenhängenden, kausalkettenlosen Ergüsse zu vermeiden? Achso richtig, die Presse will unterhalten und wahrgenommen werden – da ist einem der billige Gag näher als der Anspruch, gute Texte zu schreiben.

Das ist übrigens kein Phänomen, das auf meinen Verein beschränkt ist – ich nehme es beim eigenen Verein natürlich nur stärker war und es hat sich durch den Bundesligaaufstieg mehrfach multipliziert, weil mehr über Fortuna geschrieben und gesprochen wird. Schauen wir nach Köln, die Stadt, in der ich wohne und in der ich mit vielen Menschen spreche. Der 1.FC Köln stieg zuletzt ab und entschloss sich, mit kleinerem Budget und jüngeren Spielern einen Neuanfang zu wagen, anstatt mit aller Macht und noch noch noch höherer Verschuldung den Wiederaufstieg anzupacken. Das ist aller Ehren wert in einer Stadt, die vor Fußballbegeisterung und eigenem Selbstverständnis nur so strotzt.

Dennoch haben die Fans sich darauf eingelassen – auch anfängliche Schwierigkeiten wurden mit beachtlichem Gleichmut einfach weggelächelt. Jetzt nimmt der FC langsam Fahrt auf und steht nur noch drei Punkte hinter Rang drei – die Aufstiegschancen sind durchaus real. Was fällt den Medien und den keine-Ahnung-habenden Nationalmannschaftsguckern ein? Das alte Vorurteil, der Kölner träume nach kleinen Erfolgen stets direkt von der Deutschen Meisterschaft, der Champions League und dem Weltpokal. Den Joke gibt es dann in allen Facetten, zu mehr reicht es aber nicht. Anstatt mal mit einigen Kölnern zu reden und zu spüren, dass man diesmal in Ruhe an langfristigem Erfolg arbeiten möchte (man müsste den Kölner Verantwortlichen übrigens nur mal zuhören, um das mitzukriegen), kommen nur Plattitüden, Plattitüden, Plattitüden. Wie öde!

Das Schlimme am Fußball ist, dass inzwischen jeder meint, er müsse darüber reden. Und das nicht mehr nur zu WM-und-EM-Zeiten, sondern auch mal zwischendurch. Nicht regelmäßig, man setzt eher so pointierte Höhepunkte, damit der Rest der Fußballwelt glaubt, man wäre ein großer Kenner der Materie. Die anderen Pseudos nicken dann beeindruckt – ich habe das schon mal an anderer Stelle zu beschreiben versucht; die Pseudos und die Presse haben da ein gutes System sich immer wieder selbst bestätigender Halbkompetenzen aufgebaut. Einer sagt was, der andere schreibt was und alle denken, sie würden über irgendetwas Reales reden. Je platter, desto leichter.

Ein anderes gutes Beispiel zu diesem Thema: Lothar Matthäus und das Vorurteil, er würde sich bei jedem freien Trainerposten selbst ins Gespräch bringen. Vor ein paar Jahren war das durchaus mal korrekt, wobei natürlich hier auch die Frage war, ob Matthäus in den Redaktionen angerufen hat, um sich ins Spiel zu bringen oder ob er nur auf die immergleichen Anfragen der Redaktionen reagiert hat. Wo immer aktuell ein Pöstchen frei wird, braucht Matthäus sich gar nicht mehr selbst zum Kandidaten ernennen. Innerhalb von Sekunden bringt irgendein Medium den Gag, der Loddar werde sicher bald vor dem Haus des Präsidenten campen, um seine Bewerbung abzugeben. Und dieser Gag wird an den Stammtischen reproduziert. Typisches Prozedere: Aus einer Tatsache wird ein guter Gag und während dieser sich längst abnutzt und dem Realitätsvergleich auch gar nicht mehr standhält, wird versucht, durch seine ständige Wiederholung eine ihm zugrunde liegende Realität zu schaffen. Mit anderen Worten: langweilig!

Die Liste ließen sich unendlich fortsetzen (z.B. auch die Mär, Bayern würde immer noch die Konkurrenz durch sinnlose Transfers schwächen), jeder Fan wird solche Geschichten über seinen Verein erzählen können; nehmen wir noch ein letztes Beispiel zur Illustration einer anderen Grausamkeit. Betrachtet man die Medienberichte und folgt dem, was der Gelegenheitsgucker daraus ableitet (und mir dann erzählt), dann sieht es in Dresden aktuell fast so aus wie nach dem Bombensturm im Zweiten Weltkrieg. Gewaltbereite überall, alles voll vom rechten Gesocks. Ich möchte hier die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit diesem Problemen nicht klein reden; aber wo sind die Berichte über all die friedlichen Dresdner Fans? Über jene, die sich kürzlich zu tausenden gegen Gewalt und Rassismus bekannten? Wo ist mal ein Bericht über die Fußballmannschaft Dynamo Dresden? Nein, man hat seine Zusammenhänge geschaffen und die in die Köpfe des Ottonormalfans filtriert und jetzt kommen Unterhaltungen über den Ostfußball nicht über diesen Sinngehalt hinaus. Traurig!

Es gibt diese Plattitüden übrigens nicht nur im Negativen, sondern auch im Positiven: Der tolle Anti-Kommerzklub St. Pauli, Dortmunds unglaublich laute Südtribüne, Mainz als “der etwas andere Verein” – Plattitüden, die dem Realitätsvergleich bei weitem nicht standhalten. Es gäb so viele Vorurteile, die berichtenswert zu überprüfen wären. Aber das würde ja Anstrengungen verlangen, die in der wer-macht-den-schnellsten-Gag-bei-Facebook-Ära kaum noch zu verlangen sind. Dass der undifferenzierte Pseudofußballinteressierte dann diese Plattitüden übernimmt und mir vorträgt, ist ihm zwar moralisch vorzuwerfen (warum informiert er sich nicht besser, bevor er über etwas redet, was ihn bislang auch nicht interessiert hat). Aber wenn er sich nur rudimentär informiert, ist ihm kaum vorzuwerfen, dass er sich auf genau jene Plattitüden beschränkt, die ihm medial permanent vorgekaut werden. Ja, Fußball lebt auch von Frotzeleien, aber es muss dann auch drüber hinaus gehen können.